Das Thema Vogelfrei begann für mich Anfang 2007, als ich für eine Ausstellung ein Bild einreichte, das den Titel „Vogelfrei oder ?" trug. Dieser Titel war rein intuitiv gewählt und sollte sich in meiner malerischen Arbeit nicht wiederholen.
Unvorhergesehen entfachte dieses erste „Vogelfreibild" unter den Besuchern der Ausstellung
immer wieder Diskussion. Ich begann daraufhin mit den verschiedensten Menschen über
den Begriff Freiheit zu sprechen.
Was ist vogelfrei für dich? Wie empfindest du Freiheit ? Warst du jemals frei? Bist du frei?
Kann unsere Gesellschaft vogelfrei Menschen akzeptieren?
Die Grundessenz all dieser Gespräche war für mich eine überraschende, aber stimmige Botschaft:
Ja, es gibt wirkliche Freiheit, wobei diese immer Hand in Hand geht mit Verantwortung.
Verantwortung für sich selbst, sein Gegenüber oder soziale Netzwerke.
Geht man in unserer Menschengeschichte zurück, so ist der Vogel ein frühes Symbol für das
Göttliche und die Freiheit, da er ja nicht erdgebunden war und im Gegensatz zum Menschen
das Fliegen naturgemäß beherrscht.
Manchmal ist er Zeichen für Geburt und Tod, zurückgehend auf die grichische/ägyptische
Phönixsage und für den Frieden.
Es gibt kaum eine Hochkultur, die ohne einen Vogelgott gewirkt hat. Einige Beispiele sind Garuda
in China, Horus oder Inighu in Ägypten, Orongo auf den Osterinseln oder die Vogelgötter der
amerikanischen Ureinwohner.
In Tibet sind die Vögel Träger der Seelen der Verstorbenen und auch im Taoismus werden für viele Vergleiche die Kraniche herangezogen.(„Dein Leben sei wie das Spiegelbild des Kranichs im See.")
Ein schönes Beispiel gibt es in den indischen Epen:
Das Begleittier von Brahma ist die Streifengans. Brahma ist der erste der Dreigottheit Brahma-Vishnu-Shiva und Schöpfer des Alls .Im Hindi wird diese Gans Hamsa genannt. Ihr Name bildet sich aus den Silben Ha für Einatmen und Sa für Ausatmen . In der asiatischen Lebensphilosophie ist das ein bedeutender Name. Ihre jährliche Wanderung über den Himalaja (bis zu 9000m) wird im Hinduismus mit einem Fest begrüßt.
Weiters ist die Streifengans im asiatischen Raum Wahrzeichen der weltabgewandten Weisen,
„...da sie hoch über den niedrigen und kleinlichen Beschwernissen des Alltags in vollendeter Schönheit auf das Göttliche zufliegt".
Auch unser christliche Kulturkreis verweist auf einen Vogel,den Pelikan.Die frühesten Abbildungen Jesu zeigen dieses Tier, da man annahm, dass der Pelikan seine Jungen von seinem Blut ernährt Damit ist dieses Gleichnis signifikant für die Leidensgeschichte Jesu und das Neue Testament.
Unter anderem symbolisiert die Taube in christlichen Kirchen und besonders beim Pfingstfest den heiligen Geist.
Der Volksmund, Hans Christian Andersen ,die Gebrüder Grimm und andere Märchenerzähler
wählten oft Schwäne, Raben, Enten oder Adler für ihre lehrreichen Geschichten und Metaphern.
Das Zeichen des Vogels und die Inspiration durch sein Flugvermögen oder den Gesang zog ein
in alle Sparten der Kunst.
Aus der Literatur kennen wir „Die Kraniche des Ibykus „ von Friedrich von Schiller.
Eine Ballade in der die Kraniche solange schreien und kreischen bis man auf einen Mörder
aufmerksam wird und ihn entlarvt.
Über Jahrhunderte hat das Gezwitscher und der Gesang von Vögeln Musikern und Komponisten
Inspiration geboten . Eindeutige „Vogelkompositionen" gibt es von Johann Sebastian Bach,
Lola Beranova, Leos Janacek, Franz Liszt, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Philippe Rameau, Ruth Schonthal, Franz Schuhmann, Peter Tschaikovsky, ...uvm.
Auch in der Klassischen Moderne griffen Künstler wie Pablo Picasso,Henri Matisse,, Niki de Saint Phalle,M.C.Escher, Jean Miro, Dadaisten, Surrealisten,und später Aktionisten(z.B.Beuys ),..... uva.
das Thema auf.
Alfred Hitchcock verfilmte 1963 den Horror-Klassiker „Die Vögel".Er selbst hat sich nie „geoutet" , warum er Vögel für diesen Film nutzte, aber wenn man den Film durchleuchtet, so sieht man,
dass das mörderische Picken der Vögel erst stoppt, sobald die Mutter ihren Sohn für eine Beziehung zu einer Frau freigibt. Also sind auch hier die Vögel Symbolträger für einen Befreiungsprozess.
In den Achtzigern (1984) entstand der Film „Birdy" von Alan Parker, der einen Vietnamsoldaten zeigt, der sich in einer psychiatrischen Klinik in die Betrachtung von Vögeln verliert und damit in einer Traumwelt seinen traumatischen Erlebnissen entflieht.
In unserer Sprache ist der Vogel mit einigen Wörtern und Sprichwörtern vertreten.
Es gibt „schräge Vögel",Eulen nach Athen tragen, die Rabeneltern, Vogel-Strauß-Politik, turteln wie Tauben, einen Vogel haben, frei sein wie ein Vogel, Vogeldunst ( aus der Jagtsprache),
die Vogelperspektive, eitel wie ein Pfau sein, besser den Spatz in der Hand,
als die Taube auf dem Dach, Wenn es die Nachtigall war und nicht die Lerche ...? (in Shakespears`Romeo und Julia), vogelfrei,... uvm.
Im Mittelalter bis hinauf in die frühe Neuzeit war der Begriff Vogelfrei negativ besetzt .
Jemand , über den die Strafe der Reichsacht verhängt wurde,der also nichtmehr geachtet, sondern geächtet war, galt als vogelfrei.Es war verboten, einem Vogelfreien Unterschlupf zu gewähren.
Jedermann konnte sie/ihn ausrauben, verletzen oder sogar töten, ohne dafür belangt zu werden.
Nach dem Tod wurden Geächtete den Vögeln hinterlassen.
Die Vogelfreiheit im historischen Sinn ist also die Strafe für jene, die sich nicht
der Gerichtsbarkeit stellen, die keine Verantwortung übernehmen wollten oder konnten.
Ironischerweise gab/gibt es wieder Religionen, die bewusst ihre Toten den Vögeln übergaben, da jede andere Bestattung als unwürdig galt/gilt.
Die negative Besetzung des Wortes Vogelfrei hat sich in unserer Zeit gewandelt,
Es ist nun eher positiv besetzt als negativ und wird stark mit der „großen Freiheit"
in Verbindung gebracht.
Mein Vogelfrei-Zyklus steht für Kreativität, Befreiung und Freiheit.
Es sind teilweise Spiegelbilder der geführten Diskussionen, gemalte Wiedergaben der spirituellen Vogelgeschichten verschiedener Kulturen und Momentaufnahmen von Menschen die sich befreien.
Das Thema kreist auch um Menschen und ihre Gefühle, die sich erlauben oder nicht erlauben,
sich zu verwirklichen. Abseits oder mittendrinnenin von Zwang und Frust.
Manchmal auch um Menschen denen Flügel wachsen...
HEIDI HOLLEIS ; 30.MAi 2008
